Neue Medien wecken Wünsche und
Bedürfnisse nach einer Finca auf
Mallorca
Ein Reiseanbieter sah
sich unlängst gezwungen nach neuen PR Maßnahmen zu suchen, um
die angebotenen Fincas auf Mallorca besser in Szene zu setzen.
Trotz breit angelegter Kampagnen in allen namhaften
Reiskatalogen und Internetverzeichnissen waren noch immer viel
zu hohe Verluste an die Hotels in den touristischen
Ballungszentren zu verzeichnen. Für den Vorstandschef des
Reiseanbieters, Werner Fernweh, war diese Entwicklung
unverständlich. War der touristische Pöbel etwa derart
einfallslos, sich immer in die kulturferne Massenabfertigung
der Hotels zu begeben? Bestand schlicht und ergreifend kein
Interesse daran, das wirkliche Mallorca mit Land und Leuten
kennen zu lernen. Die Ferienwohnung
Mallorca barg doch das
zweifelsohne größere Urlaubserlebnis. Werner Fernweh, der
sich selbst schon immer als gesellschaftskritischen
Zeitgenossen gesehen hatte, überlegte, ob es nicht ein
Problem unseres auf Leistung und Einheit getrimmten
Zeitgeistes war, der den eiligen Urlaubern das Glück in Form
einer richtigen Finca auf Mallorca vorenthielt.
Als man dieses Problem im Vorstand erörterte und Überlegungen
anstellte, wie die Fincas noch zu retten seien, kam man
überein, dass das Problem vor allem ein Marketingproblem und
weniger ein gesellschaftliches war (auch wenn Werner Fernweh
diese These nicht gänzlich überzeugte). Man entschloss sich
kurzerhand den besten Fachmann an Bord zu holen, den die Zunft
der Medienberater und Marketingexperten in der Neuzeit
hervorgebracht hat – Roland Wucherer, Medienberater von
Weltrang, der in dem Ruf steht in dunklen Höhlen Sonnencreme
verkaufen zu können, wurde umgehend konsultiert.
Roland
Wucherer sagte einen Termin und einen Kostenrahmen zu. Er traf
zwei Wochen später auf Mallorca ein. Man kam umgehend zur
Sache. Wucherer und der Vorstand stellten einander vor, wobei
Roland Wucherer ohne viele Floskeln sofort einen guten (nein,
den bestmöglichen!) Eindruck hinterließ. Wucherer verlangte
rasch nach den bisherigen Werbemitteln, die man für die
Ferienwohnungen auf Mallorca herangezogen hatte. Er blätterte
durch die Kataloge, sah sich die Bilder an, überflog die Texte
und kam schnell zu einer Diagnose: Die Werbung hatte fast nur
informativen Charakter, war jedoch kaum dazu angetan,
irgendwelche Wünsche und Bedürfnisse nach Urlaub bei den
Menschen zu wecken. Wucherers Fazit: Die Reisebranche dürfe
sich nicht darauf ausruhen, dass all ihre Kunden ihre Werbung
nur anschauen, weil sie scheinbar sowieso in den Urlaub
wollten. Man müsse eine Sehnsucht nach der Finca auf Mallorca
wecken, die nur durch Aufsuchen derselben gestillt werden
könne. Viele Firmen würden den Fehler machen, sich ihrer
Kundschaft zu sicher zu sein.
Diese Kritik
wurde vom Vorstand mit Scham entgegengenommen. Roland Wucherer
wurden indes die Mittel bewilligt, die er brauchte, um die
Fincas wieder an die Spitze der Touristik auf Mallorca zu
bringen. Er erhielt eine Kamera als visuelles Medium und eine
Finca, in der er sich für die kommenden Wochen und Aufgaben
zurückzog. Um den Kunden (die bereits welche waren, ohne es zu
wissen) die Finca schmackhaft zu machen, musste Herr Wucherer
eins mit der Finca werden. Er bezog eine Finca und machte dort
erstmal zwei Wochen demonstrativ Urlaub. Als er ganz vom
Urlaubsgefühl durchdrungen war, fing er an, sein
“Urlaubstagebuch“ zu drehen. Dabei verzichtete er bewusst auf
werbetechnische Plattheiten wie spanische Hüte und akustisches
Gitarrengedudel. Er vermittelte jene Stille und ländliche Nähe,
die sich jeder im Innersten von Urlaub versprach. Wucherer
hatte sich zuvor sogar einen Stab von Sicherheitsmännern
geleistet, die jegliche kommerziell wirkenden Touristen im
größeren Radius um die Finca fernhielten. Es sollte nicht mal
ein Jota Ballermann an diesem Video haften! Zusätzlich lies er
im unhörbar niederfrequenten Bereich die Endlosschleife: „Finca
... Finca Mallorca macht glücklich und
froh!“, laufen.
Das Ergebnis
hatte durchschlagenden Erfolg. Nachdem das Videotagebuch in
mehreren Teilen auf der Internetseite des Reiseanbieters
veröffentlicht wurde, waren alles Fincas auf Mallorca voll
ausgelastet. Unter den Gästen waren sogar Hotelbesitzer. Der
Vorstand lies derweil neue Fincas errichten – und zwar für sich
selbst.
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